Wer Gesellschaftskritik will, der gehe besser zu Kollegah als zum Galleryweekend

Echopreisträger sorgen für gesellschaftspolitische Eklats und wer sich in Ruhe berieseln lassen will, der kann sich ja Kunst anschauen… War das nicht mal anders herum?

Ja, die Debatte um Kollegah ist vor allem ein Beweis für die Schwäche des deutschen Feuilletons bei der Beschreibung von Populärkultur. Soweit so bekannt (Digitalisierung, Rationalisierung, Kostendruck in den Redaktionen, etc.). Aber es gibt da auch noch eine Ebene, über die zu wenig gesprochen wird. Ganz abgesehen von stumpfen Lyrics kann man auch an Kollegah et el. ablesen wie sich die Genregrenzen zwischen Kunst, Werbung und den verschiedenen Formen der Popkultur auflösen und teilweise schon ihre gesellschaftlichen Funktionen getauscht haben.
Was macht eigentlich die Arbeit von Kollegah, Straßenbande 187, UFO361 oder auch Kanye West aus? Es ist das gleiche was einen BVG-Sneaker ausmacht, einen Jeff Koons Balloon Dog oder einen Hornbach-Hammer aus Panzerstahl. Mehr oder weniger viel Kreativität. Und was ist diese Kreativität? Für Kanye West (und da stimmt er mit der zeitgenössischen Theoriebildung überein) ist sie eine kuratorische Praxis.

Da hat der bekannte US-Philosoph recht. Denn „Kreativität“ stellen wir uns heute immer seltener unter dem alten „Geniebegriff“, der sich Jahrhunderte lang gehalten hat, vor. Kreativität ist eher das Selektieren, neu anordnen und in andere Zusammenhänge übersetzen von kulturellen Versatzstücken. Positiv ausgedrückt entsteht das Werk oder die Arbeit aus den Bausteinen eines Baukastens, den wir unsere Kultur nennen. Negativer formuliert, sind wir einfach Plünderer, die sich aus allen Dörfern des Kulturreiches Pfefferkörner, Glasperlen, Tulpen oder den Silberschmuck zusammenklauen – alle Elemente eben, die für Menschen eine gewisse Zeit lang interessant sind (bis es das nächste große Ding braucht).

Diese gesellschaftliche Reproduktion von Kulturversatzstücken, die wir heute eher als „kuratieren“ denn als „erschaffen“ beschreiben würden, spiegelt sich auch in den Quellen wieder, an denen „Kreativität“ entsteht. Schon lange wird nicht mehr nur „Hochkultur“ wertig betrachtet, sondern auch Populärkultur. Doch während das vor 20-30 Jahren noch eher wie ein gönnerhaftes „Pop ist ja auch Kultur“ daherkam, ist es heute eher umgekehrt. Beispiel Fotografie: Im vergangenen Jahrhundert haben wir den Wandel der Bildsprache der Fotografie an großen Namen/Genies festgemacht. August Sander, Sebastiao Salgado oder Jürgen Teller haben das geprägt, was man in den Jahren nach ihnen für ein relevantes Bild hielt. Heute wandelt sich Bildsprache im Kollektiv auf Tumblr- oder Instagram-Streams im populärkulturellen Kollektiv, ohne dass man diese Entwicklung auf ein oder zwei Namen zurückführen könnte. Da wird es schwer irgendjemanden zum Genie zu erklären. Gleichzeitig hält kein noch so prägender Documenta-Beitrag mit dem ästhetischen Einfluss von zwei Jahren Tumblr-Entwicklung mit. Es geht also mit dieser gesellschaftlichen Entwertung der Autorenschaft auch die gesellschaftliche Entwertung der Kunst einher. Klar, ohne genialen Künstler gibt es auch kein geniales Kunstwerk mehr. Irgendwann gibt es vielleicht nur noch mehr oder weniger „influencial“ Profile (völlig egal welcher „Kommunikationsgattung“). Alle sind dann Influencer, keiner ist mehr Künstler.

Schon seit einigen Jahrzehnten verschwimmen die Grenzen zwischen Pop, Kunst und Werbung (was für eine Gattung von Influencer ist eigentlich Maurizio Cattelan (hier oder hier)? Wenn Ai Weiwei 100 Millionen Sonnenblumenkerne von 1.600 Menschen zwei Jahre lang handbemalen lässt, dann ist der Anblick und das Bewusstsein für die Dimension für den Besucher selbstverständlich überwältigend und löst starke Affekte aus. Währenddessen gilt für die Werbung: Vielleicht wäre ein Edeka-Weihnachtsspot vor einigen Jahrzehnten noch „Kunst“ gewesen. Heute würden wir es eher beschreiben als eine Aneinanderreihung berechenbarer Affekte, im emotionalen Werkzeugkasten routiniert zusammengesetzt. In der Werbepraxis kann man sich das so vorstellen: Was mache ich mit einer unpopulären Marke wie den BVG? Ich lade sie mit einem positiven Affekt auf. Was mögen gerade alle? Adidas Sneaker. Und wenn ich jetzt noch den Preis für eine Jahreskarte im vom 1.000€ „Listenpreis“ auf 200€ in der Sneakerverion senke, dann ist der Medienhype garantiert – klar stehen die Menschen Schlange, Berliner sind schließlich arm. Das ist kein Genie, das ist routinierte Arbeit. Ai Weiwei und eine durchschnittliche BVG-Kampagne sind das selbe Handwerk.

Kunst ist heute eher ein Statussymbol und Werkzeug einer breiten Mittelschicht, um sich von der Unterschicht abzugrenzen. Kunst ist heute das, was die Beatles, die Tagesschau, Wetten dass… vor 40-50 Jahren waren – schaut man eben an, findet man eben gut, man ist ja schließlich kein Bauer, sondern (früher beispielsweise) stolzer Arbeiter oder (heute beispielsweise) akademische Dienstleistungsmittelschicht. Kunst zeigt uns die Normallage der Gesellschaft. Irgendwas mit Feminismus, Migration, Lattenkunst, Peniskunst, „aha, so setzt die prägende Dienstleistungsmittelschicht also gerade ihre Normen, Werte und Ästhetiken“. Der Künstler ist währenddessen zu jemandem geworden, der sich auf der Kunstuni verschiedene Diskurse und Techniken angeeignet hat, die er jetzt eben umsetzt wie ein Modeblogger seine Selfies. Wer unter 35 ist, und irgendwas mit Kunst und Kultur studiert hat, für dessen Identität ist es oft schon zu flach und zu „mainstream“ mit einer Documenta-Jutetasche herum zu laufen. Man orientiert sich lieber an den gerade „einflussreichen“ Popkulturen, um sich vom Einheitsbrei der Galleryweekends dieser Welt abzuheben. Internetfeminismus und ein bisschen Ghetto-Rap sind das Lieblingsmenu der selbstbewussten Kulturjournalistin von heute. Gleichzeitig auf Twitter das Binnen-I von den „Alphas“ einklagen und „ich fick deine Mutter Rap“ hören? Ist überhaupt kein Widerspruch mehr. Die Aneignung von „gehoben bildungsbürgerlichem“ Kulturkonsum ist selbstverständlich geworden, für das „persönlich Bereichernde“ muss die „Subultur“ herhalten. Und weil die authentische Subkultur immer seltener wird, wenn selbst Dorfgangster wie Kollegah mit Abitur ausgestattet werden, muss man seine Popkultur manchmal mit dem Appeal „stigmatisierter Minderheiten“ aufladen. Das führt zu allerlei Widersprüchlichkeiten und Bruchlinien – manchmal entlang interessanterer Gedanken und manchmal entlang uninteressanterer Gedanken (Kollegah). Wennn man sich für Gesellschaftskritik und – entwicklung interessiert, passiert es jedenfalls entlang dieser Bruchlinien und sicher nichtmehr im Burgtheater. Die mediale Kulturkunst oder Hochkulturverarbeitungsmaschine steigt bei der Beschreibung dieser Entwicklung aus, so wie sie schon vor 100 Jahren den Expressionismus vor allem dumm und hässlich gefunden hätte.

Man kann aus dieser Entwicklung auch einen zynischen Umkehrschluss ableiten. Wenn Pop das Feld der relevanten Auseinandersetzung geworden ist, dann ist Kunst (oder „Hochkultur“) das optimale Umfeld, um alles ein bisschen „hübsch“ zu machen ohne irgendjemanden zu stören oder zu provozieren. Wenn früher Kunst zu spitz und progressiv war für den Massenmarkt und man als Werber eher auf die Pop-Kultur als Indikator für „Massentauglichkeit“ vertraute, so kann man sich heute eher an der Populärkultur die Finger verbrennen. Man ist besser beraten, sich an Kunst zu orientieren. Wenn Yung Hurn 2015 auf Instagram Balenciaga trägt und sich seine Album Cover von Sucuk und Bratwurst gestalten lässt, kann es noch zu früh sein, eine Kampagne in 90er-Retro-Ästhetik zu gestalten. Wenn 2018 auf einer Vernissage im Schickelpavillion die jungen wohlhabenden New Yorker Expats Balenciaga Shirts tragen, ist dagegen klar: jetzt ist die Zeit der kreativen Ernte für die Werbung gekommen. Und schwups werben die Bratwurst-Buben auch schon für Nike.

Kunst und Werbung sind heute nicht mehr Produkt eines „Genies“ wie man es „Andy Warhol“ oder den „Mad Men“ noch zu erkannte, sondern „einfaches“ Handwerk. Wer einen Skandal oder Diskursanstoß sucht, der geht zu Kollegah und wahrscheinlich auch noch eher zu Helene Fischer als zu Erwin Wurm. Das ist nicht schlimm, es ist eine Normalisierung. Die ständig steigende Kultur- und Kommunikationsproduktion der Dienstleistungsgesellschaft braucht immer mehr Kommunikations- und Kulturhandwerker. Im frühen Mittelalter war der Alchemist unter lauter Bauern auch ein Genie und heute ist er nur noch ein medizinisch-technischer Assistent.