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Gangrape und Feminismus passen nicht zusammen

Der Bergmoneygang-Noisey-Beef brachte einen so überwältigenden Overload an postmodernem Sozialverhalten zu Tage, dass ich rund eine Woche nicht wusste, wie ich die Sache einordnen soll. Dann kam ich zu dem Entschluss, dass man in diesem Fall unterscheiden muss, zwischen dem Konflikt Vice-Praktikantin-Antonia vs. Bergmoneygang, der sich vor allem in Private Messages und geheimen Facebook-Gruppen abgespielt hat, und dem folgenden Konflikt Vice&-Vice-Agenturen-Umfeld vs. Bergmoneygang der sich vor allem im Facebook-Event einer The Gap Party, auf den Pages von Vice, Noisey, Yung Hurn und der Bergmoneygang abgespielt hat. Zweiterer Beef war es, der uns mit obszönem Schaudern alle zehn Minuten die Timeline refreshen lies.

Der Konflikt Vice-Praktikantin-Antonia vs. Bergmoneygang ist einigermaßen traditionell zu erklären. Gut und Böse können wir hier als politisch korrekte Menschen umgehend ausmachen: Eine gerade der Pubertät entwachsene Praktikantin wird auf gerade der Pubertät entwachsene Hip-Hop-Kids losgelassen. Es wäre eine der ersten Stories zum Thema geworden, es gab für sie also noch keinerlei Leitplanken beim Umgang mit Thema/Phänomen/Gruppe.
Bei der BMG geht es nicht um Hip-Hop auf der ersten Ebene, sondern um das völlige Überzeichnen von Hiphop-Klischees. Drogen, Sex, Gewalt. Dass nicht jeder Witz der Bergmoneygang den richtigen Ton treffen kann, ist so klar wie bei Moneyboy auch. Darum blödeln sie ja auch in einer geheimen Facebook-Gruppe herum. Dass die Praktikantin es sich zu einfach vorgestellt hat, die Ebenen Inhalt, Künstlerfigur, und Person auseinander zu dividieren, ist wahrscheinlich. Wenn einige der Bergmoney-Mitglieder und Fanboys die Grenze zum Mobbing wirklich überschritten haben sollten, wäre das natürlich trotzdem verwerflich. Gewaltvolle Sprache hängt schließlich immer irgendwie mit gewaltvollen Handlungen zusammen (sagte mir zumindest mal eine realere Feministin als Yung Hurn). Gangrape und Feminismus passen nicht zusammen. Es würde sich also um eine Form von Mobbing handeln, wie sie früher auf Schulhöfen und heute zusätzlich noch am Phone stattfindet. Es rechnet zwar niemand damit, dass im konkreten Fall irgendeine Gefahr bestand aber die Praktikantin fühlte sich bedroht und das deutet darauf hin, das eine Grenze überschritten worden sein könnte. Vice wird sich in Zukunft genauer überlegen, welches Girl sie in welches Setting schickt – Lesson learned und next Step auf dem Weg zu einem erwachsenen Medienhaus genommen. Soviel zum „Primär-Beef“.

Der verstörendere Konflikt war der Konflikt: Vice&-Vice-Agenturen-Umfeld vs. Bergmoneygang. Spannend ist er, weil er erstmals einen kulturellen Generationenkonflikt zwischen nachwachsenden progressiven 16-18-Jährigen und ehemals progressiven, mittlerweile 25-35-Jährigen Agentur-Hipstern sichtbar werden lässt. Der umständliche Name Vice&-Vice-Agenturen-Umfeld rührt daher, dass Vice selbst ja kaum Stellung bezogen hat (wobei natürlich auch das eine Position ist). Die nicht enden wollenden Versuche BMG und Yung Hurn zu demontieren gingen trotzdem hauptsächlich von Leuten aus, die die BMG-Kids zu recht mit Vice assoziieren. Diese Leute sind mit dem breiten Rücken der Reputation des Vice-Netzwerks in das Kampfposten eingestiegen. Plötzlich waren es BMG-Kids, die sich bedroht fühlten und der Eskalation waren keine Schranken mehr gesetzt.


Bei diesem Generationenkonflikt geht es, wie bei fast allen, um Emanzipation. Kinder und Jugendliche basteln an der Kultur, den Codes und der Sprache ihrer Generation, die älteren finden das scheiße, weil sie es nicht verstehen und überhaupt moralisch verwerflich finden. Ein erstes Indiz wohin die kulturellen Codes der neuen Generation führen ist immer die Sprache. Ein Beispiel: Wenn du 18 bist, dann hoffe, dass dich in der Schule keiner Hipster nennt. Hipster sind nämlich die alten Typen, zwischen 25-35, die in hippen Agenturen arbeiten, deine Mädchen abschleppen, ohne von deren Lebensgefühl eine Ahnung zu haben und eigentlich keinen Bock haben ihre Position im Sozialgefüge (= ein festes Einkommen und regelmäßiger Sex) zu verlieren. Darum sind für dich Hipster Synonym für Oberflächlichkeit. Beides ist ok – das Abschleppen und das scheiße finden.

Der Lauf der Dinge ist: Diese Kids wachsen und küren irgendwann ihre ersten Popkulturidole in den eigenen Reihen. Wie genau dieses „Basteln an der eigenen Kultur“ passiert, bekommt die Welt immer erst mit einigen Jahre Verzögerung mit. Denn mit 14-18 hat man keinen Zugang zu Redaktionen und Unilehrstühlen. Einblicke in den Prozess bekommen wir erst, wenn ein progressives Jugendmedium sich damit beschäftigt – beispielsweise Vice oder The Gap. Genau das ist in diesem Fall nicht passiert (The Gap hat mit dem Yung Hurn Booking den ersten Schritt gesetzt, Vice mit dem Interview-Versuch den zweiten – doch dann ist durch den Vice&-Vice-Agenturen-Umfeld vs. Bergmoneygang-Beef alles begraben worden). Der Konflikt entstand, weil die hippen Erwachsenen mit ihren hippen Medienkanälen sich erst lustvoll an BMG reiben („geil, schau mal die Kids“) und sich dann aufschwingen den Kids in paternalistischer Rhetorik eine Lesson in Emanzipation, Feminismus und Sexismus zu erteilen („also das geht jetzt aber zu weit“).

Die Bergmoney-Kids und das ganze Post-Moneyboy-Umfeld spielt ironisch mit Klischees. Gleichzeitig meinen sie es aber auch todernst. Sie unterscheiden nicht wirklich zwischen „Künstler“ und „Person“. Man sagt „Hi Nutte“, wenn eine Freundin zum Kiffen kommt und hält sich trotzdem für einen Feministen. Bei Promi-Todesfällen gibt es kollektive Beileidsbekundungen, die ins Absurde abgleiten. So soll beispielsweise „Dirk Bach“ Synonym für „R.I.P“ stehen, wenn beispielsweise Udo Jürgens stirbt – das hat mir beim Manual Kant – Konzert im B72 ein Bergmoney-Jünger erklärt. Es ist ein zynischer Meta-Humor, der darauf abzielt die alten Hipster aussteigen zu lassen – wie sonst kommt man zu Distinktion?

Erinnere dich an das bedrückende Gefühl, dass wir bei  90er-Jahre-US Coming-of-Age-Filmen (5 Bindestriche) hatten. The Perks of Being a Wallflower zum Beispiel. Eine ziemlich harte soziale Realität in der jeder laufend seine Box zugewiesen bekommt. Zwischen Quarterback und Loser liegen oft nur ein-zwei ungeschickte Entscheidungen. Stelle dir vor mit 14 warst du schon ein halbes Jahr Gespött der Klasse, weil dein Nackt-Selfie auf Whatsapp die Runde gemacht hat. Dann bist du eventuell näher am US-Highschool-Lebensgefühl, als auf dem Kuschelkurs, den wir in den 90ern noch mitgemacht haben. Dann sind ein paar üble Jokes in einer ziemliche großen Facebook-Gruppe, oder der Beef mit Agentur-Hipstern weniger bedrohlich – dann ist deine Welt wohl ein ganzes Stück rauer.
Sie meinen es ironisch, sie meinen es ernst, sie meinen es brutal und absurd. Darum ist auch die feindselige Politaufforderung „distanziere dich von Rape“ problematisch (ganz abgesehen davon, dass das immer ein Bitchmove ist, der jedes ernsthafte Gespräch verunmöglicht). Ein Interview führen zu wollen, bei dem die „Artists“ ihre Komikerrolle ablegen sollen, wird es erstmal kaum spielen (weil das so nicht existiert – darum braucht es auch einen gestandenen Journalisten).

Das ganze Themenfeld ist eigentlich ganz interessant, darüber würde ich gerne etwas lesen im Musik- und Kulturjournalismus. Vermutlich erwarten sich die BMG-Kids – wenn schon Auseinandersetzung – dann Auseinandersetzung damit.
Der aus dieser wechselseitigen Naivität entstandene Vice-Praktikantin-Antonia vs. Bergmoneygang Beef ist ein prototypisches Beispiel für die Lebenswelt auf die sich BMG-Kunst bezieht. Der Vice&-Vice-Agenturen-Umfeld vs. Bergmoneygang zeigt dagegen auf, wie sich ein Wachwechsel an der Front der Progressivität andeutet. Die nächsten 10 Jahre blieben natürlich die Agentur-Hipster durch rhetorische Überlegenheit und Positionsmacht in der überlegenen Postition …und dann mal sehen.

Links:
// Antonias Posting

// BMG-Style

// Noisey

// Yung Hurn

 

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  1. Pingback: Wigh und Weg (41) | Mics&Beats

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