the end

Selbstverständlich geht unsere Gesellschaft unter und natürlich ist es kein Problem

Richard David Precht hat vor einer guten Woche eine Rede gehalten, über Digitalisierung. Klingt plump, war aber sehr ok. Ich habe grundsätzlich keine genaue Ahnung davon was Richard David Prechts Meinung über die Dinge ist. Ich weiß nur, er versteht sich scheinbar gut mit Thilo Jung. Dafür war diese Rede von Precht auf irgendeinem Medienkongress  – wie gesagt – ganz in Ordnung.

Precht beschreibt Digitalisierung als Prozess der Rationalisierung, welcher vor 200 Jahren begonnen habe. Daran kann man natürlich zweifeln. Bzw. sollte man “Digitalisierung als Rationalisierung” zumindest für eine nicht besonders gelungene Kategorisierung halten, denn schließlich ist ja irgendwie jedes und keines der Phänomene der Gegenwart mit Rationalisierung beschreibbar. Dadurch wird das ganze also ein bisschen beliebig und wenig aussagekräftig. Besser fände ich (wie schon gelegentlich erwähnt) wenn man in diesem Fall bei der klassischen Medienwissenschaft bleibt und Medientechnologien als jeweilige Antworten, nicht nur auf gesellschaftliche, sondern vor allem auch auf individuelle Bedürfnisse ihrer Zeit beschreibt. In diesem Sinne: Wenn die Herausforderung eines erfüllten Lebens in Europa seit den 1990ern war, all das zu werden was jeder in der liberalen Gesellschaft werden konnte (ein glücklicher kreativer Besserverdiener), gleichzeitig aber aufgrund der Knappheit von Gütern dann doch ausgeschlossen war, dass wir alle dieses Ziel erreichen konnten, dann wird im Rückblick auch klar, wofür das Internet vor allem benötigt wurde: Um ein Ort zu sein, an dem man all das sein kann, was man theoretisch erreicht haben müsste. Eine große Identitätsmaschine also (Heimseiten, Fanzines, Blogs, Social Media, etc. waren ja auch erstmal wichtiger als “Industrie 4.0).

Ob nun also als Ort der Rationalisierung oder als Ort der Selbstverwirklichung, die Digitalisierung ist offensichtlich jedenfalls irgendwie wichtig. Precht fährt fort, indem er in bester TED-Lectures-Manier einige bekannte Wahrheiten der Kommunikationswissenschaft mit so viel Impetus vorträgt, dass man denken könnte, er hätte sie sich selbst ausgedacht (“Zeitungen werden gelesen um Bestätigung für die eigene Meinung zu finden…”, “öffentlich-rechtlicher Rundfunk schafft keine pluralistische Öffentlichkeit mehr, nur noch Kommentare, weil Kommentare Aufmerksamkeit und Klicks bringen auf Kosten der Glaubwürdigkeit, aber das ist dem öffentlich-rechtlichen Profildrang ja egal…”). Er nähert sich also einer Reihe sinnvoller Umschreibungen auch der individuellen Sinndimension von Medialität. Denn schließlich geht es ja bei “Kommentaren” und “Meinung” nicht nur um Klicks die Medienunternehmen Monetarisierung ermöglichen, sondern vor allem auch um individuellen Marktwert und Personenmarken. Precht meint dementsprechend: Wer pöbelt gewinnt! Und dieses Prinzip gilt natürlich auch und besonders für die öffentlich-rechtlichen Sender. Bei Armin Wolf und Claus Kleber ist das ja regelmäßig besonders schön zu beobachten wie sehr sich die Leistung des öffentlich-rechtlichen Journalismus zuspitzt auf Pöbeleien Meinung als einzig relevante Leistung.
Der Wert des Pöbelns ist ja unumstritten. Precht provoziert sein Medienbranchen-Publikum darüber hinaus nun noch damit, dass er die bürgerlichen Moralinstanzen explizit mit meint. Hier beginnt die Precht-Rede also Spaß zu machen.
Er führt er die Medienmenschen im Medienkongress-Publikum also in Themen wie Mediendiffusion und Wissensiffusion ein und erklärt ihnen, dass das was der rechte Pöbel als “Lügenpresse” beschreibt, großteils eine schlüssige Wahrnehmung ist. Die Wahrnehmung davon, dass auch öffentlich-rechtliche Medien nur ihre eigene begrenzte Meinungsagenda ventilieren. Precht erklärt warum das panische Festhalten an der bürgerlichen Gesellschaft recht kurzsichtig ist (weil es grundsätzlich kein Zurück gebe in der Menschheitsgeschichte) und dann appelliert an ein Gesellschaftsbild in dem man auch jene Menschen integriert, die nach vollzogenem Gesellschaftswandel seiner Meinung nach bald keine Arbeit mehr haben werde. Man müsse bedenken, dass die Leistungsgesellschaft in der Form des 20.Jahrhunderts nicht mehr funktioniere. Das bildungsbürgerliche herabschauen sei jedenfalls mittelfristig keine Option mehr (klar, das haben ja die Brexit- und Trumpwähler gezeigt). Dabei denkt Precht dann allerdings leider wieder zu klein. Denn die Pöbeleien (also die Digitalisierung) der Rechten sind eben nicht nur “Nebenwirkung der Rationalisierung”, sondern gerade deren Lösung auf die Fragen, die ihnen das Leben im Neoliberalismus aufgeworfen hat.
Dieses nervige neoliberale Glücksversprechen (dass wir alle alles werden könnten, und wer nicht schaffe, einfach zu blöd oder zu faul sei) ist das Problem und das löst man durch materielle und/oder kreative Integration nicht. Schließlich ist es einfach kein Zeichen von Erfolg irgendwo im kreativen Mittelfeld herum zu dümpeln (ganz egal wie hoch das bedingungslose Grundeinkommen ist). Die Ökonomie der (begrenzten) Aufmerksamkeit wiederum lässt auch nicht zu, dass wir alle ein bisschen berühmt werden. Dieser “Fehler im System” ist zunächst den “early adopters” aufgefallen. Sie haben die Digitalisierung genutzt um den Schein zu wahren und im Neoliberalismus der 1990er und 2000er nicht wie erfolglose Deppen auszusehen. Weil relevantes Werkschaffen nicht für alle möglich war, haben Sie sich auf  Blogs und Tumblr eine Erfolgswelt zusammenkuratiert. Und jetzt sind eben auch die weniger begabten damit an der Reihe die Digitalisierung für sich fruchtbar zu machen. Sie tun das natürlich nicht auf Fotoblogs und Twitter, nicht indem sie, sondern vor allem beim Facebookpöbeln. Wenn Precht fordert: Man müsse die Menschen integrieren, die keine klassisch kapitalistische Leistung mehr bringen, dann übersieht er, dass genau dieses Internetgepöbel bereits deren Werkzeug mit dessen Hilfe sie wieder Platz nehmen am Diskurs-Tisch. Partizipation bedeutet eben nicht, dass 80 Millionen Menschen die Liquid Democracy Tools der Piratenpartei benutzen und auch nicht, dass wir alle famous werden auf Instagram, sondern, dass 40 Millionen Menschen mal kurz irgendwo in eine des Internets oder auf den Stimmzettel scheißen, daran riechen und dann weiter zu viel Geld verdienen für eigentlich gar nicht so qualifiziert Arbeit.

Die Idee, dass eine selbstbewusste Linke den AfD-Menschen endlich wieder, wie in den sicheren 70ern, Orientierung stiftet, ist ja gerade das naive Festhalten an einer Gesellschaftsstruktur, die es nicht mehr gibt. Die Linke muss auch nicht “weg von der Identitätspolitik” und hin zu den Sorgen und Abstiegsängsten der Arbeiter. Die Arbeiter verdienen verdammt noch mal immer noch unverhältnismäßig viel mehr Kohle als ich für das nicht-reparieren meiner Gastherme. Die AfDler wurden nicht von der linken Sozialpolitik vergessen, sondern eben genau von der linken Identitätspolitik, nicht bildungsbürgerlich zu sein ist nicht cool und das hat man zu vielen nicht Bildungsbürgern zu lang unter die Nase gerieben.

Die Neueintritte in die SPD sind ja 2017 kein Zeichen einer gesunden Repolitisierung, sondern nur Zeichen tiefer Alternativlosigkeit. “Haltung” ist nur die Faulheit einzusehen, dass Haltung kein Wert mehr ist. Wir brauchen mehr Identitätspolitik, diese ist manchmal populistisch und manchmal rational (die Trennung zwischen beiden Dimensionen macht so wenig Sinn wie die Trennung zwischen “öffentlicher” und “privater” Sphäre).