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Puhh, endlich wissen wir wie man die Eurokrise löst

Plötzlich wissen wir was das griechische Votum “will”. Hieß es nicht noch vor einer Woche, dass der Referendumstext verklausuliert und schwer zu durchschauen sei? Ziemlich sicher lässt sich die Abstimmung so verstehen, dass die Griechen ihrer Regierung den Rücken stärken wollten. Verbleib im Euro zu verbesserten Konditionen. Aber zu welchen Konditionen?

Egal!

Überdurchschnittlich gebildete Mediennutzer wissen ab sofort wie man den Euro und die Griechen rettet. Sie wissen wer die Bösen sind und wer die Guten. Sie wissen wer pro Europa ist und wer contra und sie wissen welche Interessen demokratisch sind und welche nicht. Plötzlich ist nichts von dem mehr kompliziert, was die letzten Jahre keiner lösen konnte (und außerdem kann man derzeit aus Österreich leicht +/- 100 Retweets bekommen – wie geil)

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Was Schäuble (= deutsches Volk) will ist undemokratisch und uneuropäisch. Was Tsipras (= griechisches Volk) will ist demokratisch und europäisch. Den “Volksbegriff” kann man jetzt auch als Linke wieder verwenden. Der ist jetzt nicht mehr nationalistisch, sondern demokratisch und europäisch (das muss man sich vorstellen wie den Einkauf beim regionalen österreichischen Bio-Bauern). “Ein ‘Volk’ kann sich nicht von anderen bevormunden lassen. Aber es braucht mehr Europa. Naja, nicht so ein Europa sondern ein demokratisch legitimiertes. Es braucht eine stärkere EU, damit sich die undemokratischen Deutschen nicht durchsetzen…”, oder so. Nun, es gibt aber derzeit kein fertiges europäisches Haus (auch weil die europäische Verfassung bei “Volks”befragungen durchgefallen ist – zu viel Europa, zu wenig Gottesbezug, etc.). Was machen wir also mit unseren Problemen? Klar: Wir haben eine Meinung darüber wer am meisten doof ist (so doof wie diese Nazis zum Beispiel)!

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Markt besiegt Demokratie. Was das griechische “Volk” will ist Demokratie und was “Merkel” und “Schäuble” wollen ist Markt – der ist doof. Aber was will Merkel eigentlich und was will das griechische Volk? Völlig egal, denn derzeit gibt es die erfolgreichsten Misik-Tweets auch in englischer Übersetzung (haben 3x so viele Retweets wie die deutschen).

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Griechenland soll endlich selbst bestimmen wie es einsparen will – nicht die Troika. Ja woher wissen denn plötzlich alle, dass die Einsparungen zu ungunsten der Sozialsysteme und zu gunsten der Milliardäre eine Troika-Forderung waren und nicht die Entscheidung der linken griechischen Regierung? Waren all die Menschen die heute fordern man müsse Griechenland “mit Würde” im Euro halten, nicht noch vor einigen Monaten der Meinung ohne Euro könne Griechenland seine Währung abwerten und aus dem deutschen Produktivitätszwang ausbrechen? Evtl. ist Schäuble der Meinung, dass die effektivste Hilfe für Griechenland 100 deutsche Finanzbeamte wären (zumindest habe ich das gelegentlich gehört), aber er würde natürlich nicht deutsche Finanzbeamte in ein autonoes Land einmarschieren lassen (wegen der Demokratie und der Nationalstaatslichkeit und so). Vor allem wollte er derartiges lange nicht laut sagen (wegen der Diplomatie und so). Aber wenn nur einer diplomatisch ist, dann verliert derjenige eben leicht im öffentlichen Empörungsrennen.

Die richtige Lösung für diese Krise gibt es nicht. Aber darüber wer sich um eine Lösung dieser Krise “altruistischer”, “egoistischer”, “nationalistischer”, “demokratischer”, “kapitalistischer” oder “europäischer” bemüht, weiß seit letzter Woche scheinbar jeder bescheid. Offensichtlich gilt das vor allem auch für laut krakelende US-Star-Ökonomen:

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“Schuable” oder “Schauble” however. Obviously hat Deutschland Griechenland doch nicht aus dem Euro gedrängt. Dass es keine eigenen Vorschläge gemacht hat, ist offensichtlich auch falsch (wie auch immer man zu diesen Vorschlägen steht).

Selten werden so viele so erfolgreiche Tweets gelöscht wie in den letzten Tagen. Sich zu empören ist die Pflicht eines echten post-modernen Demokraten (und sich zu profilieren ist die Pflicht eines post-modernen Mediennutzers).

Ich hab diese Story schon x-Mal erzählt, aber weil der Anlass schon wieder aktuell ist, nochmal:
2010 sagte Schäuble vor den Abgeordneten und Mitarbeitern (ich war Praktikant) seiner versammelten Fraktion, dass es für diese Finanz-, Währungs- und Schuldenkrise keine Lösungsmuster gebe. Niemand habe Erfahrung mit Finanzmärkten im damaligen Zustand, vor allem nicht in Kombination mit der unfertigen Euro-Währungsunion. Er warb um Stimmen für deutsche Milliarden obwohl er für das Geld nicht garantieren konnte. Er wollte den damals 5-6 wackelnden Ländern (Irland, Spanien, Portugal, Griechenland, Italien, etc.) so viele Zeit wie möglich kaufen – vor allem damit das europäische Projekt nicht scheitere (aber auch damit die Krise nicht auf Deutschland übergreife).
Man kann vom damals eingeschlagenen Weg halten was man will. Die Entwicklungen sind so komplex, dass man nicht wird feststellen können ob er im Vergleich zu anderen Optionen besser, schlechter oder sogar gescheitert ist  (so wie man die Frage: Ist die Globalisierung gescheitert? nur ideologisch aber nicht vergleichend beantworten kann -> es gibt keinen Vergleichsmaßstab).

Ich persönlich weiß nicht viel über Finanzmärkte. Von verschiedenen Seiten aus den ECFIN-Arbeitsgruppen und von den Mitarbeitern der Finanzministerin habe ich zumindest gehört, dass die ganze Geschichte nicht plötzlich viel einfacher oder unkomplizierter geworden ist.

Schade, dass die Linke nur noch eine Empörungsmaschine des Halbwissens ist. Als ich klein war, war sie eine Utopie deren Vision noch etwas intellektuell aufrichtigeres wollte als zwei Hand voll Retweets.