Pop macht Mortal Combat mit Kommunikation

Kommunikation in plain Deutsch Teil 2

Kommunikation lässt sich also nicht mehr in der klassischen Logik bürgerlicher Öffentlichkeit (in Abgrenzung zur bürgerlichen Privatsphäre) beschreiben. Was wir heute als Virtualisierung und Interaktivität von Kommunikation erleben, als Rückbesinnung auf narrative Strukturen und auf eine neu Ästhetisierung der Kommunikation, ist nicht nur Zeitgeist und Mode, sondern ein Kulturwandel. In der professionalisierten Kommunikation heißt das dann Content-Marketing, Storytelling, 360° Customer Journey. Gerade weil diese Buzzwords derart werblich kompakte Dienstleistungsprodukte der Kommunikationsbranche verkaufen wollen, täuschen sie ein wenig darüber hinweg, dass dieser Kulturwandel in der Tat fundamental ist.

Wie gesagt, Kulturwandel ist nicht gemeint als Stimmungswandel oder Geschmacksverschiebung sondern als etwas Grundsätzlicheres. Kultur meint in diesem Fall eine Aushandlungspraxis. Der springende Punkt wäre dementsprechend, beispielsweise nicht die Frage “ob muslimische Europäer neben den aus christlicher Tradition geprägten Europäern eine andere Grill-Praxis pflegen”. Eine Frage, die sich mithilfe des Begriffs Kultur stellen liese, wäre eher: “Welche Möglichkeiten und Praktiken finden sich innerhalb Deutschlands, mithilfe derer sich Gruppen verschiedener weltanschaulicher Prägung austauschen und Schnittmengen eines gemeinsamen Bedeutungsrahmens schaffen können? Gibt es diese Möglichkeiten? Gibt es sie nicht? Und falls es sie gibt: Wie sehen sie aus?”

“Kultur [als] das grundlegende Prinzip der Selbstorganisation und der operationalen Geschlossenheit allen Lebens, Denkens und Kommunizierens” (nennt das Siegfried J. Schmidt 2004 in “Unternehmenskultur” auf S.100).
Kultur ist eine Diskursfiktion, die unter dem Aspekt ‘Problemlösungskapazität’, nicht aber unter den Aspekten ‘Objektivität’ und ‘Wahrheit’ zu beurteilen ist (ebd., S.14).

Wir werden hineingeboren in die Kultur unserer Vorfahren und hinterlassen unseren Kindern unsere Kultur in einem bestimmten Entwicklungszustand. Kultur ist also vor allem auch ein praktisches Organisationsprinzip. Sie ist Zirkulation von Bedeutungen und damit wieder sehr nah an einem allgemeinen Kommunikationsbegriff.
 Siegfried J. Schmidt modelliert die Leistungen von Kultur für den reibungslosen Ablauf unserer Kommunikation aber konkreter. Er geht von einem gesellschaftlichen Kontext aus, in dem wir uns durchaus bewusst darüber sind, dass wir uns an Konventionen halten, die auch anders sein könnten als sie es sind. Kultur aktualisiert Wissen über, und Bindung an die sozialen Verpflichtungen jedes Einzelnen. Unser (Wirklichkeits-)Modell von Gesellschaft ist dabei kontingent, d.h. es könnte auch anders sein als es ist und wir werden uns darüber von Zeit zu Zeit bewusst. Kultur gibt somit auch den Rahmen vor, in welchem wir unsere Gedanken anschlussfähig an die unserer Gesprächspartner halten. Wenn wir uns gegenseitig unterstellen in derselben Kultur zu leben, dann können wir uns stillschweigend auch auf die Konventionen und Begriffsdefinitionen dieser Kultur einigen und darauf unsere Kommunikation aufbauen. Zumindest nach S.J. Schmidt 2004 ist das der Zustand.

Und was hat sich nun seit der bürgerlichen Öffentlichkeit geändert an dieser Kultur? Zum einen hat seit den späten 1970er-Jahren die Perspektive der Cultural Studies die rasant wachsende Bedeutung der Populärkultur in den Fokus gerückt. Einige wichtige Eigenschaften der Populärkultur sind folgende:

“Populärkultur ist progressiv, nicht revolutionär. Radikale Kunstformen, die in Opposition zu Herrschaftsstrukturen stehen oder sie ignorieren, können niemals populär sein, denn sie beziehen sich nicht auf das Alltagsleben der Menschen […] Die politische Wirksamkeit radikaler Kunst wird durch ihre Bedeutungslosigkeit für das Alltagsleben der Menschen eingeschränkt […] Zwar ist die Populärkultur nicht radikal und ruft auch keine Wirkungen auf der Makroebene hervor, aber das bedeutet nicht, dass sie reaktionär oder apolitisch oder gar mit dem Herrschaftssystem verbündet wäre (findet John Fiske 1989 – auf S.240) […] Die Menschen in Industriegesellschaften haben mit dem traditionellen Begriff des Volkes nichts gemein und Populärkultur ist keine Volkskultur, obwohl es verbindende Eigenschaften gibt. Im Gegensatz zur Populärkultur ist die Volkskultur das Produkt einer vergleichsweise stabilen, traditionsorientierten Sozialordnung, in der gesellschaftliche Unterschiede keinen Konfliktcharakter tragen (ebd., S.250) […] Massenkultur ist ein Begriff, den diejenigen benutzen, die glauben, dass die von der Kulturindustrie produzierten und distribuierten Waren der Bevölkerung in einer Weise aufgezwungen werden können, die gesellschaftliche Differenzen ausbügelt und eine Einheitskultur für ein passives, entfremdetes Massenpublikum schafft. Ein derartiger Prozess – den es im Übrigen nicht gibt – wäre antikulturell und antipopulär; er wäre die Antithese zur Kultur, wenn man darunter die Produktion und Zirkulation von Bedeutungen und Vergnügungen versteht (Fiske 1999, S.258).

Populärkultur lässt sich (im Vergleich zu Propaganda und der Logik bürgerlicher Medien) also nicht mehr von einzelnen Akteuren zu kontrollieren. Sie spiegelt die Gemütslage eines breiten Teils der Bevölkerung wieder und kann so nicht völlig an deren Wirklichkeit vorbei gehen. Populäre Texte müssen Vergnügen anbieten. Allein im Feststellen allgemein akzeptierter Bedeutungen liegt noch kein Vergnügen. Nachdem Populärkultur zunächst unterhält, vermittelt sie in zweiter Ordnung auch Normen und aktualisiert gesellschaftliche Ordnungen. Sie vermittelt Sinn. Populärkultur ist dabei nicht unterbewusst verführend und beeinflussend. Die meisten Inhalte der Massenkommunikation und der populären Unterhaltung sind sehr wohl bewusstseinsfähig. Es geht oft nicht mehr, wie in der Persuasionsforschung, darum fiktionale Erzählungen einfach zu glauben, sondern sich mit der Differenz zwischen der gezeigten und der erlebten Wirklichkeit auseinanderzusetzen:

“Texte der Populärkultur sind also voller Lücken, Widersprüche und Unzulänglichkeiten. Durch diese von der ästhetischen Kritik als „Schwächen“ bezeichneten Merkmale ermöglicht der populäre Text produzierende Lesarten. Sie erlauben es, in unterschiedlichen Kontexten und unterschiedlichen Momenten des Lesens unterschiedlich zu „sprechen“, jedoch kämpft diese Freiheit immer gegen textuelle (und soziale) Kräfte, die versuchen, sie zu begrenzen. Der populäre Text ist ein Text der Auseinandersetzung zwischen Kräften der Öffnung und der Schließung, zwischen dem Lesbaren und dem Produzierbaren, zwischen Homogenität der favorisierten Bedeutung und der Heterogenität seiner Lesarten” (Fiske 1999, S.58).

In den Lücken des populären Textes also liegt nach Fiske die interpretative Freiheit des Publikums. Das mag so sein. Relevant ist, wie Menschen mit dieser Freiheit umgehen, bzw. wie Gesellschaft diese Freiheit reguliert. Medien als klassische institutionalisierte Betriebe, aber auch als virtuelles Netz ermöglichen und schaffen aus der Sicht ihrer Konsumentinnen Bedeutungsangebote, die diese Wirklichkeitsauseinandersetzung definieren. Als zentrale Vermittler kultureller Bedeutung sind Medien das nötige Format, um gesellschaftliche Positionierungen auszuhandeln und zu gestalten.

In den Cultural Studies ist die Rezeption, Einordnung und Nutzung von Medieninhalten offen. Es handelt sich nur um Sinnangebote und nicht um Inhalte, die überreden sollen. Die Menschen können Inhalte demystifizieren, sie sind zu oppositionellen Lesarten in der Lage. Dafür durchdringt die Populärkultur auch mehr kommunikative Sphären als eine Nachrichtensendung. Populärkultur ist überall, ob deren Sinnangebote aber überhaupt vielfältig sind, lässt sich in Frage stellen. Was Fiske noch nicht mitdenkt ist, dass die Kunst immer häufiger in der Populärkultur aufgeht und die Populärkultur wiederum auch in klassische Nachrichtenproduktion eindringt (Beispielsweise ist im Vergleich zu 2009 der Spaßmacher Stefan Raab, im Kanzlerduell der öffentlich-rechtlichen Sender 2013 zum Co-Moderator geworden).

Dieses Zusammenwachsen, die Konvergenz, nicht nur der Medienbetriebe, sondern besonders auch der Kommunikationsformate, konnte nicht ohne Konsequenz bleiben.

Das was die Cultural Studies in den 80er- und 90er-Jahren noch als Charakteristika und Eigenheiten von „Blockbustern“ und Popmusik beschrieben haben, ist nicht zufällig weitgehend deckungsgleich mit dem was heute in jedem Social Media Handbuch als Anleitung geschrieben steht. Unabhängig davon, dass aus medientheoretischer Sicht in der Popkulutur einzelne Akteure die Nutzung der Medienangebote in viel geringerem Ausmaß manipulieren und lenken können, als noch in den bürgerlichen Medien, ist es spätestens mit dem Internet auch technisch nicht mehr im gleichen Maß möglich.

In ähnlicher Form wie in den 90ern noch in Soap-Operas Trash vermittelt wurde, so berichtet, bzw. interagiert, die ARD bzw. aktualisiert sie Sinn, wenn der Mauerfall 25 jähriges Jubiläum feiert. Das heißt aber nicht, dass die ARD zunehmend “Trash” produziert, sondern schlicht, dass die Definitionsmacht, bzw. das progressive Ende im gesellschaftlichen Diskurs, an dem Kommunikation weiter entwickelt wird, nicht mehr bei der ARD angesiedelt ist. In dieser Logik, bzw. in dieser Kultur erinnern und verhandeln wir unsere Wirklichkeit und die Bedeutung der Terroranschläge in Paris 2015 (#jesuischarlie). Was wie Zeitgeist wirkt, ist eine kulturelle- und eine Machtverschiebung. Denn am Tag des Anschlags auf Charlie beschrieb Michel Houellebecq in Soumission (deutscher Titel Unterwerfung) wie die Radikalisierung Frankreichs zwischen nationalistischen und islamistischen Strömungen auch durch das Schweigen der Mehrheitsmedien unterstützt wurde. Dadurch, dass bürgerliche Zeitungen in dem Versuch die Stimmung nicht zusätzlich aufzuwiegeln über Gewalttaten beider extremistischer Seiten schwiegen, wurde das Ende der Demokratie im Houellebecq-Roman beschleunigt. So plausibel seine Fiktion ist, was Houellebecq nicht berücksichtigt hat war, dass eine kommunikative Vergesellschaftung nicht mehr dominant von bürgerlichen Medien definiert wird (#jesuischarlie).

Gut, dass „das Internet“ der Babo der Kommunikation geworden ist, ist irgendwie klar. Dass Populärkultur heute mehr Raum einnimmt als in der bürgerlichen Öffentlichkeit, ist auch offensichtlich. Die spannende Frage ist aber, warum hat Gesellschaft sich in diese Richtung bewegt und welche Bedürfnisse werden dadurch befriedigt? Um zu verstehen was „Content-Marketing“, „Storytelling“ und „Customer-Journey“ leisten sollen und wie sie funktionieren können, muss man zumindest ein Gefühl davon haben was die gesellschaftliche Bedeutung hinter Populärkultur und kommunikativem Sinn derzeit sein könnte [tbc].